Humboldt-Universität zu Berlin - Sprachenzentrum

Kleines Überlebenslexikon für Moskau

Autofahrer: sind in Moskau vermutlich gescheiterte Rennfahrer. Jede kleine Straße wird hier zur Autobahn und damit für Fußgänger ein lebensgefährliches Hindernis. Wer Grün hat, darf noch lange nicht gehen, die Stärkeren fahren zuerst. Wir richten uns nach den langsamen Rentnern, wenn sie sich über die Straße trauen, haben auch wir eine Chance zu überleben.

Blumensträuße: gibt es hier nicht nur in Blumenläden, sondern auch in kleinen Buden und Wagenanhängern zu kaufen. An den Metrostationen sitzen oft bis spät in die Nacht Frauen mit ihren selbstgepflückten Garten- und Feldblumen, die sie für wenig Geld verkaufen. Männer wanken nachts oftmals betrunken, doch mit Blumenstrauß für die Liebste nach Hause. In der Metro hängen große Werbetafeln mit der Aufschrift "Schenkt Frauen Blumen".

Durstlöscher: Bierflaschen sind hier die ständigen Begleiter der Anwohner, egal, welchen Alters oder Geschlechts. Schade, dass das Pfandsystem noch nicht bis hierher gedrungen ist, so liegen die Flaschen auch überall herum.

DVDs: gibt es meist schon bevor der Film überhaupt im Kino läuft an jedem Straßenstand für wenig Geld. Teilweise sind die Filme russisch synchronisiert, oft wird aber auch nur über die englische Version drüber gesprochen. Es gibt ganze Filmsammlungen von Lieblingsschauspielern auf einer DVD zusammengestellt, so zum Beispiel ein Best of von Julia Roberts. Meist kosten diese 100 Rubel. Ebenso günstig kann man in Moskau CDs kaufen. Der größte Markt hierfür befindet sich an der Metrostation "Bagrationovskaja".

Fast Food: Teremok, Kroshka Kartoshka oder Muhmuh sind das russische Pendant zu westlichen Fastfoodketten. Hier kann man unterwegs zu moderaten Preisen zwischen 15 verschiedenen Blinysorten und diversen Backkartoffel- und Pelmenifüllungen wählen. Der Durst wird mit traditionellen Getränken wie Mors oder Kwas gestillt.

Inneneinrichtung: Vorhänge werden im Wohnheim grundsätzlich mit Büroklammern angebracht.

Kopeken: sind das russische Gegenstück zu unserem Cent, nur sehr viel weniger wert. Sie liegen fast überall auf der Straße herum und sind vermutlich selbst den Bettlern zu wertlos, um sich danach zu bücken.

Ladendiebstahl: muss es hier, geht man von den unzähligen Wachmännern aus, ständig geben. Jedes Gepäck wird beim Gang in den Supermarkt, Buchladen oder Schreibwarenladen weggeschlossen. In kleinen Läden hat man oftmals einen persönlichen Leibwächter, der einem auf Schritt und Tritt folgt. Vor dem Kino mussten wir durch eine Sicherheitskontrolle wie am Flugplatz, damit wir keine Getränke in den Saal schmuggeln. Ich war heilfroh, dass mein Hustensaft nicht als Getränk galt.

Melonen: riesige grüne Gitterkäfige gefüllt mit Wassermelonen stehen hier im Sommer beinahe auf jeder Straße. Ich habe noch nicht gesehen, dass jemand eine Melone gekauft hätte, da aber ab und zu geplatzte Melonen auf dem Fußweg liegen, nehme ich an, dass diese hier hauptsächlich als Wurfobjekte genutzt werden.

Menschenmassen: gibt es im Moskau fast überall. Ich habe noch keine Stadt erlebt, in der es so voll ist. Selbst wenn man einfach spazieren möchte, wird man meist mit den Leuten mitgerissen, wer bummelt, kann auch schon mal geschubst werden. Gefährlich für Tagträumer.

Modefragen: Marke muss sein. Große Aufdrucke scheinen hier der Ausweis für etwas Besseres zu sein und werden in bunten Buchstaben auf Jacken, Hosen und Schuhen zur Schau getragen. Das geht so weit, dass man auf den Märkten Plastiktüten mit Aufdrucken wie „Dior“ oder „Escada“ erwerben kann. Brillenträger lassen Aufkleber mit der Markenaufschrift lieber auf dem Brillenglas kleben als uneingeschränkt in ihrem Buch lesen zu können.

Naschbuden und Eisstände: gibt es an jeder Ecke. Sie sind wie fast alle Läden in Moskau bis Mitternacht oder durchgängig geöffnet und leuchten nachts bunt. Hier gibt es alles, was das zuckerarme Herz begehrt. Kekse und Waffeln sind meist in großen Portionen in durchsichtige Plastiktüten verpackt. Die unbedruckten Verpackungen verstören mein werbegewöhntes Auge noch etwas. Die Eisentdeckung des letzten Sommers ist Snegurotshka, eine vanilleeisgefüllte Schokoladenrolle. Kommentar meines Sitznachbarn "Isst sich beschissen, schmeckt aber verdammt gut!"

Polizei : in Russland Milicija steht überall bewaffnet in der Stadt und gibt einem merkwürdiger Weise nicht das Gefühl von Sicherheit. Auf Verlangen müssen Papiere gezeigt werden. Bei Nichtgefallen wird getreu dem Motto "DSR" gehandelt – дай сто рублей !

Rolltreppen: sind hier sehr schnell und unendlich lang. Alle Nutzer reihen sich bitte brav rechts ein. Während der langen Fahrt lesen die Russen oftmals ein Buch oder lauschen den über Tonband eingespielten Werbesprüchen oder Puschkingedichten.

Straßen: scheinen in Moskau oftmals unüberwindbar. Glück hat man, wenn es Unterführungen gibt. Es gibt aber auch Straßen mit riesigen Zebrastreifen, die durch kleine Verkehrs-/Rettungsinseln viergeteilt sind. Hier stehen Ampeln mit Countdownzählern, die einem 30 Sekunden Zeit geben, einzelne Straßenabschnitte zu überqueren. Die meisten Moskauer rennen, wer das nicht machen will, muss sich nach abgelaufener Zeit schnell auf eine der Inseln retten. Sobald die Fußgängerampel von Grün auf Rot springt, sollt man sich nicht mehr auf der Straße befinden. Die Autos fahren!

von Lydia Strauß