Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼
Startseite der Einrichtung
Abb.: Klaus Bauerfeld

Humboldt-Universität zu Berlin - Sprachenzentrum

Minsk – die Hauptstadt von Belarus, 2015

Vorbereitung und Vorfreude

Wer mal in ein Land möchte, in dem vielleicht noch niemand aus dem eigenen Freundeskreis oder Familie war und in dem eine uns leider eigenartig ferne Kultur zu finden ist, obwohl das Land uns so nah ist. In ein Land, in dem man dann auch noch Russisch lernen kann, dem sei der Intensivkurs Russisch in Minsk wärmstens empfohlen! Eigentlich muss man dafür nicht einmal sonderlich viel tun. Wer Bereitschaft zeigt sich mit dem Land auseinanderzusetzen und Sprache und Kultur kennenlernen möchte, der kann so viel nicht falsch machen.

Die Reise wird jedes Jahr am Sprachenzentrum der HU angeboten und kann entweder eine zweiwöchige oder eine vierwöchige Teilnahme an einem Sprachkurs beinhalten. Es finden dazu Vortreffen statt, in denen organisatorische Dinge, wie etwa das Visum, die Notwendigkeit einer Auslandsreisekrankenversicherung und andere Formalitäten geklärt werden. Über den Sommer hinweg muss dann eigentlich außer Koffer packen und Vokabeln üben nicht mehr allzu viel erledigt werden. Man sollte die Vorbereitungen entspannt aber organisiert angehen, sich von allen Dokumenten Kopien anfertigen, sich eine ordentliche Auslandskreditkarte besorgen und sich schon mal über Land und Leute im Internet oder in einschlägiger Literatur informieren, dann kann man die Reise auch ohne Sorgen antreten.

Zugfahren in Belarus - Ein Erlebnis
Zugfahren in Belarus - Ein Erlebnis.
Foto: Yannis Tilmatine

Die Anreise

Wir sind aber über Warschau und Vilnius mit einer Kombination aus Bahn und Bus angereist. Diese Variante kann ich jedem für den Hinweg nur empfehlen, denn einerseits lohnt sich der Umweg über Vilnius, um drei bis vier Tage in Litauen zu verbringen und andererseits kann man die gesamte Strecke von Berlin nach Minsk über Warschau und Vilnius schon für knapp 60€ haben. Die Busreise wäre evtl. billiger, aber auch sehr viel anstrengender. Von Vilnius nach Minsk sind es nur knapp 2,5 Stunden mit dem Zug (inkl. Grenze) und wenn man rechtzeitig bucht, kriegt man auch Plätze für den modernen und preiswerten Pendelzug Vilnius-Minsk für ca. 15€. Der Zug Kaliningrad- Moskau über Vilnius und Minsk ist zwar wegen seines Charmes allemal eine Reise wert, auf dieser kurzen Strecke ist er aber eher beschwerlich und auch teurer. Da wir es natürlich verplant haben rechtzeitig zu buchen, sind wir eben mit dem etwas ungünstigeren Zug Richtung Moskau gefahren, der am späten Nachmittag in Vilnius losfährt und gegen 23:00 den Minsker Hauptbahnhof erreicht. All diese Möglichkeiten bieten sich dann natürlich auch für den Rückweg in umgekehrter Abfolge an.

Die Stadt und das общежитие

Minsk ist eine Stadt mit ca. zwei Millionen Einwohnern. Das Kuriose daran ist, dass Minsk einem manchmal tatsächlich wie eine wirklich große Stadt vorkommt, manchmal kann die Stadt aber auch sehr kleinstädtisch wirken. Das liegt vielleicht daran, dass das wirkliche Stadtzentrum relativ übersichtlich ist und die Menschen sich eigentlich vor allem im Umfeld der drei großen Metrostationen „Площадь Ленина“, „Купаловская bzw. Октябрьская“ und „Немига“ bewegen. Immer wieder läuft man sich daher in diesem Bereich über den Weg und trifft sich auf der Straße oder in der Bahn. Minsk hat zwei U-Bahnlinien und eine dritte Linie befindet sich derzeit im Bau, sodass innerhalb der nächsten Jahre ein hocheffizientes Sekantennetz entstehen dürfte. Das Angebot der U-Bahn wird durch zahlreiche Bus- O-Bus- und Straßenbahnlinien erweitert, wodurch eigentlich jede Ecke der Stadt erreichbar ist. Minsk wurde im zweiten Weltkrieg durch Deutsche und sowjetische Truppen nahezu komplett zerstört und gilt heute als Musterbeispiel des Wiederaufbaus im sozialistischen Klassizismus der 1950er Jahre. Die Stadt ist voll mit sowjetischen Repräsentationsbauten und insofern ein in Stein und Beton gemeißeltes Denkmal an den sowjetischen Sozialismus. Der Charme der Stadt liegt beileibe nicht in einer kleinen enggassigen Altstadt sondern in den vielen Reminiszenzen an eine scheinbar längst vergangene Zeit im 20. Jahrhundert.

3000 Weißrussische Rubel - Gegenwert ca. 0,15€
3000 Weißrussische Rubel - Gegenwert
ca. 0,15€.
Foto: Yannis Tilmatine

Das erste Kuriosum in Weißrussland ist das Geld. Im September 2015 entsprach ein Euro ca 20.000 weißrussischen Rubeln. Papierwirtschaft ist da vorprogrammiert. Das zweite, was wohl jedem Deutschen (und jedem Berliner erst recht) in Minsk auffällt ist, wie unglaublich sauber die komplette Stadt ist. Man sieht nahezu keinen Müll und selbst Zigarettenstummel werden von den Minskern ordentlich ausgedrückt und dann in den dafür vorgesehenen Behältnissen entsorgt. Vom Boden in der U-Bahn könnte man ohne Bedenken essen. Die ganze Stadt wirkt überhaupt sehr gut organisiert. Der öffentliche Nahverkehr ist zwar im Innenstadtbereich fast immer voll und überlastet, aber sowohl die Taktung als auch der Service stimmen. Auch die allseits präsenten Sicherheitskräfte, ob nun Omon, Polizei, Miliz oder Armee, sorgen dafür, dass in der Stadt Ordnung herrscht. Trotzdem muss ich an dieser Stelle auch mal schreiben, dass die meisten Polizisten nicht auf Schikane oder Ärger aus sind. Ganz im Gegenteil, innerhalb von zwei Wochen in der Stadt bin ich zwei bis drei Mal mit Polizisten nett ins Gespräch gekommen. Wenn man sich an die Regeln hält (!) wird man auch keine unangenehmen Erfahrungen machen. Das ist aber eine Maßgabe, an die man sich als Reisender immer halten sollte, denke ich. ;) Wer mit Gepäck unterwegs ist, wird allerdings am Eingang jeder U-Bahnstation kontrolliert. Eine solche Kontrolle ist aber meist relativ unkompliziert und geht schnell von Statten. All diese Vorkehrungen sorgen dafür, dass Minsk eine extrem sichere Stadt ist. Es ist absolut kein Problem zu jeder Tag- und Nachtzeit in der Stadt unterwegs zu sein, was mich gleich zum nächsten Punkt bringt. Zwar ist jeder größere Supermarkt (Almi wird jedem in Minsk ein Begriff werden) 24h und sowieso auch sonntags geöffnet, nur leider können wir als Sprachkursstudenten davon nicht zu hundert Prozent profitieren, weil das Wohnheim zwischen 00:00 und 06:00 vom Pförtner verschlossen wird und man schlichtweg nicht rein oder raus kommt. Nettes Fragen und die ein oder andere Tafel Schokolade sollen jedoch schon Wunder bewirkt haben. Als Deutscher profitiert man insgesamt auch von einem sehr guten Bild der Belarusen auf Deutschland. ;)

Der nagelneue Wohnheimkomplex
Der nagelneue Wohnheimkomplex.
Foto: Yannis Tilmatine

Das Wohnheim selbst ist Teil eines gigantischen Komplexes von 6 massiven Hochhäusern mit je 16 Geschossen. Die Gebäude sind im Jahr 2014 für die Eishockeyweltmeisterschaft gebaut worden und dementsprechend modern und gut in Schuss. Die traditionelle „Leichtbauweise“ der postsowjetischen Länder macht sich jedoch schon an der einen oder anderen Steckdose oder in den Küchen bemerkbar. Zwei Zimmer teilen sich immer ein Bad und eine Küche und werden mit bis zu fünf Leuten belegt. In unserem Fall waren wir aber höchstens zu viert in den Apartments. Die belarusischen Studenten teilen sich die gleichen Apartments teilweise zu sechst oder gar zu siebt. Insgesamt war ich positiv überrascht von der Unterbringung im общежитие und die Stimmung in der Gruppe war meist sehr gut.

Die МГЛУ und der Kurs

Die Sprachkurse finden an der МГЛУ (Минский государственный лингвистический университет) also an der Staatlichen Linguistischen Universität Minsk statt. Sie ist eine der renommiertesten Universitäten des Landes und bekannt für ihre Sprachausbildung. Die meisten Studenten an der Uni sind eher etwas jünger als an einer vergleichbaren Universität in Deutschland und so entsteht unweigerlich eine recht quirlige Atmosphäre in den Gebäuden. Verwaltungsabläufe in den öffentlichen Einrichtungen Weißrusslands sind nicht gerade durch konsequente Bürokratievermeidung geprägt und so lohnt es sich etwas Geduld mitzubringen und sich lieber einen Stempel mehr als einen zu wenig zu besorgen. ;)

Die Kurse selbst sind inhaltlich interessant und werden von durchweg sehr sympathischen und hilfsbereiten Lehrerinnen angeboten. Unsere Gruppe wurde nach Sprachkenntnissen in drei verschiedene Niveaustufen eingeteilt was sich natürlich auch durchaus als sinnvoll erwiesen hat. Der Unterricht findet immer Montag bis Freitag an den Vormittagen von 09:45-ca. 12:35 statt. An den Nachmittagen werden oft Exkursionen angeboten oder man hat einfach Zeit sich einer der vielen möglichen Aktivitäten in der Stadt hinzugeben.

(Nacht)Leben und Aktivitäten

Man sollte Minsk nicht mit Berlin oder Moskau vergleichen! Wer das Berghain erwartet, wird enttäuscht sein. Das Angebot „nachtkultureller“ Möglichkeiten ist in Minsk noch lange nicht ausgeschöpft. Umso spannender ist es aber, dass sich die Stadt gerade in einem Wandlungsprozess zu befinden scheint, der als Resultat die Entstehung eines Nachtlebens auf dem Standard vieler europäischer Städte haben dürfte. Rund um die U-Bahnstation Первомайская (Belarusisch: Першамайская) entsteht an der улица Октябрьская gerade ein etwas alternativeres Viertel mit Clubs und Bars und vor allem dem „хулиган“, ohne Zweifel ein Club, der auch mal mehr als einen Besuch wert ist. ;) Auch im Stadtzentrum gibt es einige gute Bars, die sich durchaus lohnen. Das „чердак“ (Dachkammer) ist eine todschicke Design-Bar mit hervorragenden Drinks und eher einem „Urban Boheme Flair“.

Wer es schick mag, sollte sich auf die „Улица Карла Маркса“ wagen. Auch hier gibt es einige Möglichkeiten zu feiern oder ein (oder zwei) Bier/Wodka zu sich zu nehmen. Auch wenn ich es nicht unbedingt erwartet habe, die Nächte waren stets gut gefüllt und es mangelte eher an Schlaf als an Entertainment.

Das tolle an Minsk ist aber das riesige und für unsere Verhältnisse sehr preiswerte Kulturangebot. Ich kann jedem in der Stadt nur wärmstens empfehlen in die Oper und auch einmal ins Ballett im Bolschoi Theater Minsk zu gehen. Schon für drei bis vier Euro kann man dort Kunst von allerhöchster Qualität bewundern. Auch die vielen anderen Theater und Museen lohnen einen Besuch allemal – man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Die prächtige Minsker Oper
Die prächtige Minsker Oper.
Foto: Yannis Tilmatine

Auch sonst gibt es einiges zu unternehmen. Im September ist die Saison der Kontinental Hockey League bereits angelaufen - mit Dinamo Minsk ist in ihr auch ein weißrussischer Eishockeyverein vertreten. Eishockey ist der absolute Volkssport im Land und bewegt die Massen in die 2014 zur Eishockey-WM neueröffnete ca. 15.000 Zuschauer fassende Minsk Arena. Die KHL ist neben der NHL die mit Abstand beste Eishockeyliga der Welt. Es gibt also kaum einen Ort, an dem man in den Genuss besseren Sports kommen könnte.

Minsk ist nicht die attraktionsreichste Stadt Europas aber ein Besuch in der Belarusischen Nationalbibliothek ist ein absolutes Muss. Auf dem Dach des 72m hohen, spektakulären Gebäudes befindet sich eine begehbare Aussichtsplattform, von der man den wohl besten Blick der Stadt genießen kann (wobei der Blick aus dem Wohnheim auch nicht so ohne ist).

Wird ein Ausflug in das vor den Toren Minsks gelegene Dorf Chatyn zur nationalen Gedenkstätte der Republik Belarus angeboten, so sollte man dieses Angebot unbedingt wahrnehmen. In beeindruckender und bedrückender Art und Weise erinnert die Stätte an das tragische Schicksal vieler Dörfer, die während des Zweiten Weltkriegs durch die deutsche Besatzungsmacht regelrecht ausgelöscht wurden.

Minsk ist eine tolle, sehenswerte Stadt, die einem Perspektiven auf Europa eröffnet, die man nicht unbedingt im deutschen/europäischen Alltag wahrnimmt. Ich habe bestimmt einiges erwähnenswertes vergessen, aber ein Paar Dinge entdeckt ihr am besten einfach selbst!

Autor: Yannis Tilmatine