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Abb.: Klaus Bauerfeld

Humboldt-Universität zu Berlin - Sprachenzentrum

Die Glocken von Chatyn, 2015

Nach einer Woche Minsk kam für mich ällmählich Routine in das tägliche Engegefühl beim Metrofahren, dem Erlernen neuer Aspektpaare und dem vielsagenden Blick der Mensamitarbeiterin, beim Versuch  ihr den Rubelbetrag passgenau auszuhändigen.

Während des gesamten Aufenthalts in Minsk haben wir spontan organisierte oder von der MGLU geplante Ausflüge unternommen. Der erste größere Ausflug außerhalb der Stadt führte uns zur Nationalen Gedenkstätte Chatyn (Хатынь). Chatyn ist die zentrale Gedenkstätte von Belarus, welche an die Opfer der durch die deutschen Faschisten umgekommenen Bevölkerung, insbesondere der „verbrannten Dörfer“, erinnert. Die Gedenkstätte befindet sich ungefähr 60 Kilometer vom Minsker Stadtzentrum entfernt. Das Dorf Chatyn war eines von über 600 Dörfern, welches die Nationalsozialisten mit samt ihren Einwohnern niedergebrannt haben. (Dass die Wahl der Lage der zentralen Gedenkstätte auf Chatyn fiel hinge, so erzählt man sich die inoffizielle Version, mit seiner guten Autobahnanbindung zusammen) Schon direkt hinter der Autobahnausfahrt wies uns ein großer Betonblock auf die nahe Gedenkstätte Chatyn hin. Kurz darauf finden wir uns auf einem riesigen Betonparkplatz, umrahmt von rauschenden Birken, wieder. Wir steigen aus und haben eine Verschnauf- oder Zigarettenpause und gehen mit der Führerin und unserer Dolmetscherin zur Gedenkstätte.

Nach wenigen Metern stehen wir vor einer großen langgezogenen Tafel, welche an die Zahl der Opfer erinnert und festhält: Эта никогда не будет забыто (Es wird nie vergessen sein). Die Tafel markiert die alte Dorfgrenze von Chatyn. Hier, wie auch später, wird uns zunächst auf russisch erklärt was geschehen ist, kurz danach hören wir die Übersetzung ins Deutsche. Die holprig geratene Verdolmetschung folgt im 20 Sekundentakt, so dass sich ungewollt eine vollkommen andere Situation erzeugt, in der einem der Ort und das Erzählte mit größerer Nachdrücklichkeit begegnet. Nach dem Übertreten der Dorfgrenze führt ein gerader Weg bis zur Skulptur eines alten Mannes mit einem Kind in seinen Armen. Wie uns wenige Sekunden später erzählt wird, ist der alte Mann Iosif Kaminskij, er ist der einzige Überlebende des Dorfes. Er hält seinen toten Sohn in den Armen.

Die schleppende Dolmetschung dringt in mein Ohr. Ich verstehe, werde sprachlos. Meinem Vorstellungsvermögen misslingt es zu rekunstruieren was genau passiert ist. Auch hier setzt der zufällige Nebeneffekt der zögerlich zustandekommenden Übersetzung ein: Die Wörter hallen in meinem Kopf erst nach einer ganzen Weile wieder und bringen mich auf den Gedanken keinen weiteren Sinn zu suchen sondern mich so gut es geht auf den Ort einzulassen.

Wir gehen weiter und kommen an den ersten Plätzen vorbei, auf welchen sich die Häuser der Dorfbewohner befanden. An diesen Stellen hat man jeweils eine Betonstehle angebracht, an dessen Ende sich eine Glocke befindet. Zusammen mit den anderen Glocken läuten sie alle 30 Sekunden.Aus seinen Gedanken oder einem abschweifenden Blick über die Stätte wird man je zurückgeholt. Das Klingen hallt nach und macht eine Ausblendung der Gedenkstätte für mich unmöglich. Man kann sich einer Erfahrung der Orte kaum entziehen.

Kurze Zeit später stehen wir neben dem Friedhof, auf dem symbolisch die 185 weiteren Dörfer begraben wurden, die wie Chatyn nach ihrer Zerstörung nicht wieder aufgebaut wurden. Jedes der Dörfer wird durch einen Block auf einem roten Sockel und einer Urne im Inneren des Blocks verkörpert. Die Urne enthält Erde des zerstörten Dorfes und das Rot des Sockels stellt das vernichtende Feuer dar. Ich stehe dicht neben der Dolmetscherin.Beim Hören ihrer Worte schweift mein Blick über den Friedhof mit seinen Gräbern, zögere aber anschließend mir den Friedhof genauer anzusehen. Mir ist beklommen zumute. Später, nach der Führung wird darauf hingewiesen werden, dass man nun selbst die Gedenkstätte näher besichten kann. Man könnte bis zu einer der am Waldrand befindlichen Stehlen gehen, die Namen der ermordeten Bewohner erfahren. Der Gedanke auf einem der schmalen Wege dorthin zugehen steigert in mir das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, angesichts dessen was hier geschah. Ich brauche Halt und verlasse den Hauptweg nicht.

Am letzten Punkt der Führung sind wir an der Gedenkmauer angelangt, in welcher Plaketen mit den Namen der Konzentrationslager und ihrer Opfer eingearbeitet sind.

Wir gehen zu einigen der eingelassenen Plaketen. Ich kann mir die Zahlen und Namen der Orte nicht merken, es sind zuviele die alle gleichermaßen darauf Anrecht haben im Gedächtnis zubleiben. Aber nicht nur den Greueln in Chatyn und in den anderen „verbrannten Dörfer“ wird hier gedacht, sondern auch der durch planvolle Vernichtung durch Zwangsarbeit sowie Vergasung ermordeten Menschen.

Auf dem Rückweg zum Bus fotographiere ich Details: Geldstücke in den nachgebauten Dorfbrunnen, eine Frau die zwischen den Gräbern Unkraut jätet, die Ränder des Waldes um die Gedenkstätte, ein Polizist der monoton seine Kontrollrunde dreht, eine Pfütze unter der Statue, in welcher sich der blaue Himmel gräulich spiegelt. Erst bei der Dorfgrenze fällt mir auf, dass ich das regelmäßige Läuten der Glocken kaum noch bewusst wahrnehme und es für eine Stunde die unbewusste Wahrnehmung des Ortes entscheidend getaktet hatte. Ich höre nun Gespräche der Anderen die um Erinnerungskultur, Vermögen und Unvermögen  einer Gedenkstätte, ja und Plänen für den Abend kreisen. Ich gehe über den Parkplatz zu dem kleinen flachen Haus, sehe mir die Dokumentation über den 2. Weltkrieg und die Gedenkstätte an. Von den Beschreibungen auf russisch verstehe ich längst nicht alles, doch die Bilder und Karten drücken das Wesentliche aus. Ich sehe andere Perspektiven auf den Krieg. Nicht den „Zweiten Weltkrieg“ sondern den „Großen Vaterländischen Krieg“. Keine Porträts von Nazipersönlichkeiten und ihren Schicksalen oder dem deutschen Weg in den Abgrund [sic] Mein Eindruck, wie Osteuropa in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland als konkreter Ort mit einer konkreten Geschichte existiert wird verstärkt: Ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Zurück nach Minsk. Ich denke viel nach. Nimmt die Frau die das Unkraut jätet das Läuten noch wahr? Chatyn hallt nach.

Autor: Morten Nissen